Planungsleitfaden

Auswahl eines SPS-Schaltschranks

Ein umfassender 7-Schritte-Planungsleitfaden für die Spezifikation von SPS-Schaltschränken – von der I/O-Ermittlung über die CPU-Plattform, Schutzarten, HMI, Protokolle, Dimensionierung der Frequenzumrichter bis hin zur Dokumentation. Basierend auf über 15 Jahren Erfahrung mit realen Industrieprojekten in 12 Ländern.

Von Charlie Shi, Automatisierungsingenieur Aktualisiert im August 2026 15 Min. Lesezeit

Inhalt dieses Leitfadens

Die Auswahl eines SPS-Schaltschranks beschränkt sich nicht nur auf die Wahl eines SPS-Modells und dessen Unterbringung in einem Gehäuse. Jede Entscheidung – von der Anzahl der E/A-Punkte bis zum Gehäusematerial – wirkt sich auf Kosten, Lieferzeiten, Zuverlässigkeit und Wartungsfreundlichkeit aus. Dieser Leitfaden bündelt unsere Erfahrung aus dem Bau von Schaltschränken für die Lebensmittelverarbeitung, den Getreideumschlag, die Wasseraufbereitung, Rechenzentren und Fertigungsanlagen in 12 Ländern zu einem reproduzierbaren 7-Schritte-Prozess.

Ob Sie nun Automatisierungsingenieur sind und eine Spezifikation erstellen, als Beschaffungsverantwortlicher Lieferanten bewerten oder als Anlagenleiter ein Retrofit planen – diese Schritte helfen Ihnen, klare und technisch fundierte Schaltschrank-Anforderungen zu definieren und die häufigsten Fehler zu vermeiden, die zu Budgetüberschreitungen und Verzögerungen bei der Inbetriebnahme führen.

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E/A-Punkte ermitteln

Jede Spezifikation für einen SPS-Schaltschrank beginnt mit einer E/A-Liste. Dies ist das wichtigste Dokument im gesamten Auswahlprozess – sie bestimmt die Baugruppengröße, die Leistung der Stromversorgung, die Gehäuseabmessungen, die Kühlanforderungen und letztendlich die Kosten.

Zu erfassende E/A-Kategorien

Signalart Typische Komponenten Typische Spannung/Signal Modulhinweise
Digitaler Eingang (DI)Taster, Endschalter, Näherungssensoren, Schütz-Hilfskontakte24VDC (sinking/sourcing)16- oder 32-Kanal-Module; High-Speed für Encoder
Digitaler Ausgang (DO)Magnetventile, Signalleuchten, Relaisspulen, Schütze24VDC Transistor oder RelaisRelaisausgänge für AC-Lasten; Transistor für High-Speed
Analoger Eingang (AI)Druckmessumformer, Durchflussmesser, Füllstandssensoren, Widerstandsthermometer4-20mA, 0-10V, Pt100 RTD4- oder 8-Kanal; potentialgetrennt oder nicht potentialgetrennt
Analoger Ausgang (AO)Stellventile, Frequenzumrichter-Sollwertvorgabe, Klappensteller4-20mA, 0-10V4-Kanal; Lastimpedanz prüfen
SpezialsignaleThermoelemente, Encoder, Wägezellen, Servo-RückführungThermoelement-Typen J/K/T, RS-422, SSISpezielle Technologiemodule (TM)

Faustregel: Fügen Sie 20 % I/O-Reserven über alle Kategorien hinweg. Für Prozessindustrien mit phasenweiser Erweiterung planen Sie 25-30 %. Die I/O-Reserven müssen sowohl die Kanal-Kapazität der Module als auch die physischen Klemmstellen umfassen – leere Steckplätze ohne Klemmen bieten keine nutzbare Reservekapazität.

Ihre I/O-Liste sollte auch Anforderungen an die Signaltrennung, eigensichere Trennbarrieren für explosionsgefährdete Bereiche und alle sicherheitsgerichteten I/Os (SIL2/SIL3), die F-Module erfordern, berücksichtigen. Diese speziellen Anforderungen haben oft einen größeren Einfluss auf die Kosten als die reine Anzahl der I/Os.

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CPU-Plattform auswählen

Die Anzahl der I/Os und die Komplexität der Anwendung bestimmen, welche SPS-Familie Sie benötigen. Siemens bietet als globaler Marktführer in der Prozess- und Fabrikautomation drei Hauptstufen in der S7-Familie an. Die nachstehende Tabelle bietet einen Entscheidungsrahmen.

Anwendungsumfang vs. CPU-Plattform

Kriterium S7-1200 S7-1500 S7-1500R/H
Max. I/Os~300 Punkte~3.000+ Punkte~10.000+ Punkte
Optimal fürEinzelmaschinen, kleine SkidsProduktionslinien, ProzessanlagenKritische Infrastruktur, 24/7-Prozesse
Verfügbarkeitsziel99,5 % (Standby-Redundanz)99,9 % (gute Reserveausstattung)99,99 % (Redundanz auf CPU-Ebene)
Zykluszeit~1-10 ms pro 1.000 Anweisungen~0,01-1 ms (Bit-/Wortoperationen)~0,05-0,5 ms mit Failover
Motion ControlBasis (Schrittmotor/Servo, bis zu 8 Achsen)Erweitert (bis zu 128 Achsen, Kinematik)Nicht für Hochgeschwindigkeitsbewegungen empfohlen
Integrierte SicherheitF-CPU-Varianten (SIL2/PLd)F-CPU (SIL3/PLe)F-CPU mit redundanter Sicherheit
RedundanzNeinNein (R/H für Redundanz verwenden)Warmstandby (R) / fehlertolerant (H)
Relative Kosten$ (Einstiegsklasse)$$ (Mittelklasse)$$$ (Premiumklasse)

Wichtige Fragen zur CPU-Auswahl

  • Benötigt die Anwendung Sicherheitsfunktionen? Wenn Sie Not-Halt-Schalter, Sicherheitstüren, Lichtgitter oder eine Not-Abschaltlogik haben, spezifizieren Sie eine F-CPU. Die nachträgliche Integration von Sicherheitsfunktionen ist weitaus teurer als die direkte Einplanung.
  • Wie hoch sind die Stillstandskosten? Wenn ungeplante Stillstände mehr als $10,000/h kosten, amortisiert sich die Redundanz der S7-1500R/H schnell. Für die Chargenproduktion, bei der geplante Stillstände akzeptabel sind, ist eine Standard-S7-1500 mit Ersatzteilen vor Ort wirtschaftlicher.
  • Soll eine Integration in MES/ERP erfolgen? Die OPC-UA-Server-Funktionalität ist in der S7-1500 integriert, erfordert bei der S7-1200 jedoch eine zusätzliche Konfiguration. Wenn Industrie-4.0-Konnektivität auf der Roadmap steht, beginnen Sie mit der S7-1500.
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Schutzart des Gehäuses festlegen

Das Gehäuse schützt Ihre Investition. Die Wahl der falschen IP-Schutzart ist eine der häufigsten Ursachen für einen vorzeitigen SPS-Ausfall – und eine der am einfachsten zu vermeidenden. Die Schutzart muss der tatsächlichen Installationsumgebung entsprechen, nicht einer idealisierten.

Umgebung IP-Schutzart NEMA-Äquiv. Material Typische Branche
Innen, trocken, sauberIP54NEMA 12Pulverbeschichteter StahlAllgemeine Fertigung, Lagerhallen
Innenbereich, staubig, gelegentliche FeuchtigkeitIP55NEMA 12 (verbesserte Dichtungen)Pulverbeschichteter StahlGetreideumschlag, Zement, Bergbau
Nassreinigung, schlauchgerichtete WasserstrahlenIP65NEMA 4304 EdelstahlNahrungsmittel und Getränke, Pharmazie
Korrosiv, Außenbereich, OffshoreIP66NEMA 4X316 EdelstahlChemie, Marine, Öl und Gas
Explosionsgefährdete AtmosphäreIP66 + ATEX/IECExNEMA 7/9Druckguss-Aluminium oder EdelstahlÖl und Gas, Getreidesilos, Lackierkabinen

Wärmemanagement: Jede 10 °C über der Nenntemperatur halbiert die Lebensdauer der Elektronik. Für Schaltschränke mit Frequenzumrichtern oder hochdichten I/O-Baugruppen sollten gefilterte Lüfter für Wärmelasten unter 500 W, Klimageräte für 500 W bis 3 kW und Wärmetauscher für abgedichtete/verschmutzte Umgebungen spezifiziert werden. Berechnen Sie stets die gesamte Wärmeabfuhr (SPS-Netzteil + Frequenzumrichter-Verluste × 0,03 + I/O-Module × 2 W pro Modul).

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HMI- und SCADA-Anforderungen definieren

Die Bedieneroberfläche ist die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Eine zu geringe Spezifikation des HMI führt zu Bedienerfehlern und erschwert die Fehlersuche; eine zu umfangreiche Spezifikation verschwendet Budget für ungenutzte Funktionen.

Lokales HMI-Bediengerät

  • • 7" bis 22" Touchscreen (Siemens HMI Comfort/Unified)
  • • Steuerung und Statusanzeige auf Maschinenebene
  • • Typisch 500-5.000 Tags
  • • Alarmhistorie und Trenddiagramme direkt auf dem Panel
  • • Ideal für Einzelmaschinen und Skids

SCADA-System

  • • WinCC, Ignition, FactoryTalk oder Ignition
  • • Anlagenweite Visualisierung über mehrere SPSen
  • • 5.000-100.000+ Tags, Multi-Server-Architektur
  • • Historische Daten, Berichtswesen, MES-Integration
  • • Ideal für Prozessanlagen und Anlagen mit mehreren Linien

Für die meisten Projekte bewährt sich ein mehrstufiger Ansatz: lokales Bediengerät an jeder Maschine für die Bediener, während ein SCADA-Server die Daten für das Anlagenmanagement aggregiert. Spezifizieren Sie, ob Fernzugriff (VPN oder Cloud-basiert) erforderlich ist, und definieren Sie die Benutzerzugriffsebenen (Bediener, Instandhaltung, Ingenieur, Administrator).

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Kommunikationsprotokolle auswählen

Moderne SPS-Schaltschränke arbeiten nur selten isoliert. Sie müssen jedes Netzwerk spezifizieren, mit dem der Schaltschrank verbunden werden soll, da jedes Protokoll ein anderes Kommunikationsmodul oder eine abweichende Switch-Port-Konfiguration erfordern kann.

Protokoll Optimal für Physical Layer Hinweise
PROFINETSiemens I/O, Antriebe, HMIIndustrial Ethernet (RJ45/M12)Nativ in S7-1200/1500; echtzeitfähig
EtherNet/IPRockwell/Allen-Bradley-GeräteIndustrial EthernetErfordert ein Gateway bei Kombination mit Siemens
Modbus TCPFremdgeräte, Frequenzumrichter, MessgeräteStandard-EthernetUniversal; wird von nahezu allen Industriegeräten unterstützt
Modbus RTULegacy-Geräte, einfache SensorenRS-485 (2-Draht)Noch verbreitet; RS-485-Modul oder Gateway verwenden
PROFIBUS DPÄltere Siemens I/O und AntriebeRS-485 (violettes Kabel)Ausgereift, aber rückläufig; für Retrofit-Projekte spezifizieren
OPC UAMES/ERP-Integration, IIoTEthernetPlattformunabhängig; in S7-1500 integriert
HART/FF H1Intelligente Prozessmessgeräte4-20 mA / FeldbusErfordert dediziertes Gateway/Multiplexer
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Auslegung der Stromverteilung & Frequenzumrichter

Die Stromverteilung im Schaltschrank ist der Bereich, in dem viele Systemintegratoren Kompromisse eingehen – und wo nach der Inbetriebnahme Probleme auftreten. Eine korrekte Dimensionierung verhindert Fehlauslösungen, Überhitzung und vorzeitigen Komponentenausfall.

Auslegung des Frequenzumrichters nach Motorleistung

Motorleistung (kW) Motor-Vollaststrom (A) Frequenzumrichter-Nennstrom (A) Auswirkungen auf den Schaltschrank
0,75 – 4 kW2 – 9 A3,2 – 10,2 AGemeinsame Nutzung des Schaltschranks möglich; minimale Wärmeentwicklung
5,5 – 15 kW12 – 30 A13,3 – 32 AErfordert eigenen Leitungsschutzschalter; moderate Wärmeentwicklung
18,5 – 45 kW37 – 84 A40 – 90 ANetzdrossel vorsehen; Zwangsbelüftung
55 – 110 kW103 – 205 A110 – 215 ASeparater Frequenzumrichter-Schaltschrank oder -Bereich; Wechselstromkühlung
132 – 250 kW250 – 460 A260 – 477 ADedizierter Frequenzumrichter-Raum; Oberschwingungsreduzierung

Kritisch: Frequenzumrichter nach Motor-Vollstrom (FLA), nicht nur nach kW, auslegen. Der Dauerstrom des Frequenzumrichters muss mindestens 110 % des Motor-Vollstroms betragen. Bei konstanten Drehmomentlasten (Förderbänder, Brecher) oder Installationen in großer Höhe (>1000 m) ist eine weitere Abregelung um 10 % vorzunehmen. Bei Mehrmotoranwendungen alle Motor-Vollströme summieren und einen Frequenzumrichter für den Gesamtstrom dimensionieren.

Auslegung der 24-VDC-Stromversorgung

Gesamte 24-VDC-Last berechnen: SPS (typisch 2-5 A) + jedes I/O-Modul (0,1-0,5 A je nach Kanalanzahl) + HMI (1-3 A) + Sensoren (je 0,02 A) + Relaisspulen (je 0,01-0,05 A). 30 % Reserve addieren und ein Netzteil mit dieser Leistung auswählen. Für kritische Anwendungen ein redundantes Netzteilmodul oder ein USV-System verwenden, das mindestens 30 Minuten lang eine 24-VDC-Notstromversorgung bereitstellt.

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Engineering-Umfang definieren

Die Hardware ist nur die halbe Arbeit. Die Qualität von Engineering und Dokumentation entscheidet darüber, ob die Inbetriebnahme 3 Tage oder 3 Wochen dauert. Definieren Sie diese Liefergegenstände in Ihrer Spezifikation:

Schaltpläne

EPLAN Pro Panel oder AutoCAD Electrical. Muss Stromverteilung, I/O-Verdrahtung, Klemmenpläne, Kabellisten und Schaltschrank-Layouts enthalten. PDF + native Quelldateien erforderlich.

SPS-Programm

IEC 61131-3-konform (LAD, FBD, SCL/ST). Strukturierte Programmierung mit Symboltabellen, Querverweisen und Programmkommentaren in Englisch erforderlich. Festlegen, ob der Quellcode oder nur der kompilierte Binärcode geliefert wird.

FAT- & SAT-Abläufe

FAT (simulierter I/O-Prüfstandtest) vor dem Versand; SAT nach der Installation. Testfälle, Abnahmekriterien und die Kostenübernahme für Nacharbeiten bei festgestellten Mängeln definieren.

Dokumentationspaket

Betriebs- und Wartungshandbuch, Bestandspläne, Ersatzteilliste mit Teilenummern, Aderendhülsen-Übersicht und Netzwerkarchitekturdiagramm. Lieferung in gedruckter und digitaler Form.

Branchenspezifische Praxisreferenzen

Diese Spezifikationen stammen aus realen SENTRADO-Projekten in 12 Ländern. Nutzen Sie sie als Plausibilitätsprüfung für Ihre eigene Anwendung.

Branche Typische E/A CPU-Plattform Gehäuse Fallstudie
Getreide-/Ölverarbeitung500-1,500S7-1500IP55, StahlBrasilien Sojabohnen →
Nahrungsmittel & Getränke200-800S7-1500FIP65, 304 SSÄgypten Nahrungsmittel & Getränke →
Wasser/Abwasser300-2,000S7-1500R/HIP66, 316 SSNigeria Wasser →
Rechenzentrum1,000-5,000S7-1500R/HIP54, StahlVAE Rechenzentrum →
Gebäudeautomation500-3,000S7-1500IP54, StahlSaudi-Arabien BMS →
Fertigung/Montage100-600S7-1200/1500IP54, StahlTürkei Fertigung →

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